Über den Atem

Ich bin schon lange vom Atem fasziniert und je mehr ich über ihn lernen darf, desto größer wird meine Begeisterung 🙂

Wenn man mit Menschen singt und an ihrem stimmlichen Ausdruck arbeitet, wird schnell klar, dass diese Arbeit immer sehr persönlich ist. Stimme ist (neben der Körpersprache) unser persönlichstes Ausdrucksmittel – und wenn sie nicht so klingt, wie wir das gerne hätten, hat das viel mit unserem Atem zu tun. Denn wir sind unser Atem. Ohne Atem wären wir nicht hier. Das Leben beginnt mit dem ersten Atemzug und endet mit dem letzten. All die unzähligen Atemzüge dazwischen bestimmen wesentlich unser Lebenstempo, unsere Emotionen und unsere seelische Befindlichkeit.

Für viele Menschen ist, wenn sie sich überhaupt mit ihm beschäftigen, der Atem ein Vehikel, um in irgendetwas besser zu werden. Besser zu singen, besser zu laufen, Tennis zu spielen oder zu meditieren. Dabei sind dem Perfektionismus keine Grenzen gesetzt. Der Atem wird von uns oft behandelt, als wäre er Teil einer Maschine, die möglichst funktionieren soll.

Wenn du bis hierher gelesen hast, dann lade ich dich zu einem kleinen Experiment ein: Lass doch mal deinen Unterkiefer so locker wie möglich, öffne leicht den Mund und gönn dir ein paar Atemzüge in dieser entspannten Haltung…………………………Ungewohnt?

Kein Wunder, der Drang, alles möglichst perfekt zu machen, führt unweigerlich zu Anspannung im Kiefer- und Nackenbereich. Das geht ziemlich schnell, auch bei mir selbst 😉

Ein Geheimtipp in Sachen Atemarbeit lautet daher nicht: Streng dich möglichst an, um tiefer zu atmen – er lautet: Lass los, lass zu, lass den Atem so sein, wie er gerade ist. Und beobachte ihn dabei.

In diesem Loslassen wird der Atem seine Energie entfalten und ins Fließen kommen. Vielleicht nicht gleich, es braucht vielleicht ein bisschen Übung, aber es wird geschehen. Meiner Erfahrung nach erleben die meisten Menschen schon während ihrer ersten bewussten Atembeobachtung  Entspannung und Wohlbefinden. Es ist keine Hexerei. Es ist eine Frage der Aufmerksamkeit.

Aufmerksamkeit lenkt unsere Energie in eine bestimmte Richtung.

Wer den ganzen Tag mit seiner Aufmerksamkeit bei Menschen oder Situationen ist, die nichts mit dem gegenwärtigen Moment zu tun haben, verschleudert Energie. Das ist es, was wir meinen, wenn wir Sätze sagen wie: „Ich kann mich nicht spüren.“ „Ich bin innerlich so rastlos.“ „Ich kann mich nicht entspannen.“ „Ich stehe neben mir.“

Die Aufmerksamkeit auf den eigenen Atem zu lenken, bedeutet, in den Moment zu kommen. Zu sich selbst zu kommen. Energie aus sich selbst zu schöpfen. Verbundenheit zu spüren.

Für mich sind diese Momente immer wieder sehr aufregend. Ich fühle mich dann so lebendig und strahlend, so vom Leben getragen. Es ist auch wunderschön, mit anderen Menschen diese Erfahrung zu teilen, beispielsweise nach einer Atemreise in lauter entspannte, leuchtende Gesichter zu blicken.

Noch nie habe ich von jemanden nach einer intensiven Atemerfahrung gehört: „Ich finde das so langweilig“. Im Gegenteil, es ist immer spannend. Ich beschäftige mich schon 30 Jahre mit dem Atem in all seinen Facetten und entdecke, gemeinsam mit anderen, immer wieder Neues. Dafür bin ich sehr dankbar.