Über den Atem

Unser Atem bestimmt unser Leben. Wer lernt, tiefer und ruhiger zu atmen, wird nicht nur besser singen, sondern sich auch viel besser fühlen!

Sänger trainieren vor allem das Ausatmen. Langes, bewusstes Ausatmen aktiviert unseren wichtigsten Atemmuskel, das Zwerchfell.  Dadurch entspannt sich bei regelmäßigem Üben auch die Einatmung. Denn bei intensivem Ausatmen spannt  das Zwerchfell an und sinkt danach wieder nach unten. Dadurch werden die Lungenflügel in die Länge gezogen. Der Atem kann viel tiefer einströmen. Ein wunderbares Gefühl 🙂

Wer sein Zwerchfell trainiert, sollte aber darauf achten, dass nicht zu viel äußere Muskulatur ins Spiel kommt. Das passiert meist dann, wenn Atemübungen mit zu viel Konzentration oder Verbissenheit gemacht werden.

Konzentration führt zu Anspannung der Gesichtsmuskeln und des Kieferbereichs. Unser Zwerchfell wünscht sich aber genau das Gegenteil, nämlich ein entspanntes Gesicht und lockere Kiefergelenke.

Wenn du bis hierher gelesen hast, dann lade ich dich zu einem kleinen Experiment ein: Lass doch mal deinen Unterkiefer so locker wie möglich, öffne leicht den Mund und gönn dir ein paar Atemzüge in dieser entspannten Haltung…………………………Ungewohnt?

Kein Wunder, der Drang, alles möglichst perfekt zu machen, führt unweigerlich zu Anspannung im Kiefer- und Nackenbereich. Das geht ziemlich schnell, auch bei mir selbst 😉

Ich verbinde daher gerne intensives Zwerchfelltraining mit Phasen des Nachspürens. Dabei wird der Atem einfach nur beobachtet.  Es ist ein Loslassen, ein Zulassen.

In diesem Loslassen wird der Atem seine Energie entfalten und ins Fließen kommen. Vielleicht nicht gleich, es braucht vielleicht ein bisschen Übung, aber es wird geschehen. Meiner Erfahrung nach erleben die meisten Menschen schon während ihrer ersten bewussten Atembeobachtung  Entspannung und Wohlbefinden. Es ist keine Hexerei. Es ist eine Frage der Aufmerksamkeit.

Aufmerksamkeit lenkt unsere Energie in eine bestimmte Richtung.

Wer den ganzen Tag mit seiner Aufmerksamkeit bei Menschen oder Situationen ist, die nichts mit dem gegenwärtigen Moment zu tun haben, verschleudert Energie. Das ist es, was wir meinen, wenn wir Sätze sagen wie: „Ich kann mich nicht spüren.“ „Ich bin innerlich so rastlos.“ „Ich kann mich nicht entspannen.“ „Ich stehe neben mir.“

Die Aufmerksamkeit auf den eigenen Atem zu lenken, bedeutet, in den Moment zu kommen. Zu sich selbst zu kommen. Energie aus sich selbst zu schöpfen. Verbundenheit zu spüren.

Für mich sind diese Momente immer wieder sehr aufregend. Ich fühle mich dann so lebendig und strahlend, so vom Leben getragen. Es ist auch wunderschön, mit anderen Menschen diese Erfahrung zu teilen, beispielsweise nach einer Atemreise in lauter entspannte, leuchtende Gesichter zu blicken.

Noch nie habe ich von jemanden nach einer intensiven Atemerfahrung gehört: „Ich finde das so langweilig“. Im Gegenteil, es ist immer spannend. Ich beschäftige mich schon 30 Jahre mit dem Atem in all seinen Facetten und entdecke, gemeinsam mit anderen, immer wieder Neues. Dafür bin ich sehr dankbar.