Lust auf Atmen

Ich hatte heute eine Stunde mit einer lieben Freundin, die mich gebeten hatte, ihr einige Atemübungen zu zeigen. Ich liebe diese Arbeit, denn ich lasse mich dabei immer vom Atem inspirieren. Ich klinke mich sozusagen ein in die Atemenergie der anderen und erhalte meist sofort Informationen. Ich lasse mich auf das ein, was sich gerade zeigt und folge meiner Intuition. Es ist spannend, dass das immer wieder funktioniert – umso müheloser, je mehr ich dem Energie-Feld vertraue, das der Atem für uns kreiert. Über dieses Feld sind wir miteinander verbunden und können uns so aufeinander einschwingen. Vorausgesetzt, wir bringen uns auf „Empfangsmodus“. Dazu ist es wichtig, dass das oberflächliche Denken sich beruhigt. Aus meiner Erfahrung ist das der erste und fast der schwierigste Schritt. Denn jeder, der ein bisschen tiefer eintaucht in sein inneres Universum, wird überrascht, berührt und fasziniert sein von dem, was dort auftaucht. Atemreisen sind niemals langweilig.
Aber das gewohnte Denken zu verlassen, fällt oft schwer. Ich kann mich noch erinnern, als ich vor ca 15 Jahren begonnen habe, zu meditieren. Meine Skepsis war groß. Irgendwo still zu sitzen und vor mich hin zu lächeln schien mir ziemlich langweilig zu sein. Und der Atem? Ja natürlich, als Sängerin hatte ich mich schon jahrelang mit Atemtraining beschäftigt, aber es war eher Mittel zum Zweck und sehr von meinem Verstand gesteuert. Unser oberflächlicher Verstand ist aber meist kein sehr risikofreudiger Lehrmeister, weil er immer auf Erfahrungen aufbaut und daher zu wissen glaubt, wie es geht. Solange wir Atemtraining über den Verstand praktizieren, werden wir nur schwer dieses wundervolle innere Atemreich betreten, diese innere Landschaft, aus der wir so viel Kraft schöpfen können.

Ich habe meine erste wirkliche Atemerfahrung vor ca 15 Jahren gemacht, als ich einen Kurs für Atem- und Energiearbeit besucht habe. Ich lag mit anderen Teilnehmern auf Matten am Boden und wir sollten tief und schnell atmen. Alleine dieses gemeinsame, kräftige Atmen ließ die Energie im Raum schon deutlich ansteigen. Die beiden Kursleiter gingen herum und halfen uns, die Energie, die sich   in bestimmten Körperbereichen aufstaute, in Fluss zu bringen. Dazu drückten sie ziemlich kräftig mit ihren Händen in unsere Bäuche oder an andere Stellen. Ich erlebte damals, dass die Atemenergie in meine Hände schoss und ich das Gefühl hatte, sie würden riesengroß werden und gleich platzen. Nicht unbedingt angenehm, aber dadurch konnte sich definitiv etwas in mir lösen, was absolut nichts mit meinem Verstandeswissen zu tun hatte. Ich konnte nicht erklären,  was da eigentlich passiert war, aber ich ahnte, dass ich einen Fuß in eine neue Welt gesetzt hatte und war wild entschlossen, mich auf weitere Abenteuer einzulassen. Meine Lust aufs Atmen war geweckt.

Ich absolvierte eine Ausbildung für Entspannungstechniken und begann, Taichi und Qigong zu trainieren. Im Qigong entdeckte ich die wundervolle Verbindung von Atem und Bewegung. In einem Curriculum für holotropes Atmen erforschte ich die inneren Bewegungen, die durch den Atem ausgelöst werden können. Im freien Tanzen erlebte ich die fast ekstatische Kombination aus Atem und Rhythmus.
All diese Erfahrungen flossen auch in meinen Gesangsunterricht ein. Der Atem war nicht länger bloß ein Mittel, um die Stimme zu optimieren. Ich lernte mehr und mehr, wie sich über den Atem Blockaden lösen lassen und die Energie im Körper wieder besser fließen kann. Ich erlebte, dass Schüler, die in angespanntem oder erschöpftem Zustand in meine Stunden kamen, mit gelösten Schultern und funkelnden Augen wieder gingen. Ich fand auch heraus, dass das Atemmuster meiner Schülerinnen mir viel über den Menschen erzählen konnte, den ich da vor mir hatte – wenn ich aufmerksam zuhörte. Und zwar nicht mit meinem Verstand, sondern mehr mit meinem Herzen. Ich begann, Dinge zu sagen wie: „Ich habe jetzt gar nicht so sehr mit dir gesprochen, sondern mehr mit deinem Körper.“

Um meinen Schülern zu helfen, ein gut eintrainiertes Atemmuster zu durchbrechen und neue Energieströme möglich zu machen, wende ich heute manchmal einen kleinen Trick an: Ich gebe ihnen bewusst zu viele Informationen auf einmal und überfordere dadurch kurzfristig ihren oberflächlichen Verstand. Und plötzlich passiert im Körper etwas zum allerersten Mal. Der Atem fließt plötzlich tiefer oder mehr in den Rücken, der Kieferbereich entspannt sich und so weiter.
Auch die Stimme erfährt dadurch neue Dimensionen. Immer wieder höre ich  den Satz: „Ich habe keine Ahnung, woher dieser Ton jetzt kam, aber es hat sich toll angefühlt, so leicht und mühelos!“
Wie schön 🙂

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